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Transgenerationale Nachwirkungen des Krieges

By September 7, 2020 November 11th, 2020 No Comments

Gedanken zum Thema: Kriegskinder, Kriegsenkel –  transgenerationale Nachwirkungen des Krieges

Schon 1994 hat Dr.med. Peter Heinl unter dem Titel “Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg…“ ein Buch veröffentlicht, dass sich mit den Folgen von Kriegstraumatisierungen beschäftigt. „In einem Land, in dem alleine im Zweiten Weltkrieg Millionen von Menschen umkamen, physisch und/oder psychisch verwundet wurden, ist der Kreis der in der Kindheit von Kriegsleid betroffenen groß. Neben dieser Generation leiden aber auch Kinder und Kindeskinder, oftmals unbewußt, an den Spätfolgen der Kriegstraumatisierungen.“ (Peter Heinl, Umschlag)

Zehn Jahre später schreibt Sabine Bode zu dem Thema „Die vergessene Generation“ und erst jetzt wird das Thema gesellschaftlich wahrgenommen und diskutiert. Sie berichtet, wie schwierig es für sie war, Menschen zu dem Thema Kriegsfolgen zu befragen. „Am häufigsten hörte ich Sätze wie: ‚Andere haben es schlimmer gehabt.‘ oder „Es hat uns nicht geschadet.‘ oder ‚Das war für uns normal.‘“ (S. 14).  Die Verdrängung der eigenen Kriegserfahrungen hängt sicherlich mit Scham- und Schuldgefühlen zusammen. Wie kann eigenes Leid thematisiert werden, wenn es den Holocaust gab? Es dominierte das Schweigen, die Verdrängung eigener Emotionen, die Sprachlosigkeit einer stummen Elterngeneration, die nicht in der Lage war zu erklären und zu verstehen, was ihre Kinder gebraucht hätten. Eine Generation, die damit zu tun hatte, die äußeren Spuren des Krieges zu beseitigen, die inneren aber ignorieren musste. Die Kriegs- und Nachkriegszeit verlangte ja, um zu überleben, Härte gegen sich selbst: „Was uns nicht umbringt, macht uns stärker“, die Nazi-Parole “Hart wie Kruppstahl“ wirkt hier wohl weiter nach, möglichst wenig spüren, nicht zweifeln, nicht zurückblicken. In der Restaurationsphase, in der es wieder wirtschaftlich bergaufging, gab es keine Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, mit der eigenen Vergangenheit. Das Motto war eher: „Wir haben es geschafft!“

Die 68er-Generation richtete sich mit ihren Fragen zum Nationalsozialismus, mit ihren Protesten gegen autoritäre Strukturen in Bezug auf die Familie und die Gesellschaft besonders an die Elterngeneration, wobei es zunächst primär um das ungelöste Problem der Entnazifizierung ging. Neben der Nazivergangenheit einer ganzen Generation, wurden aber auch die als starr, autoritär und sprachlos empfundenen Eltern in Frage gestellt.

Die Auseinandersetzung mit den eigenen Kriegstraumata scheint erst jetzt möglich, nicht zuletzt dadurch, dass sich im Alter Erlebtes nicht mehr so gut verdrängen lässt. Alte Erinnerungen werden virulent, Träume, Bilder kommen ins Bewusstsein. Kriegstraumata werden jetzt Thema in der Psychotherapie, und es stellt sich die Frage, wie damit umgegangen bzw. therapeutisch gearbeitet werden kann. Letztlich geht es um Integration des Verdrängten, um ein Verstehen, was mich wie geprägt hat.

Um diese Problematik zu konkretisieren, habe ich ein Gespräch mit Frauke Tennstedt geführt, eine Kollegin, die in der Praxis für psychosoziale Beratung mit dem Schwerpunkt Alterspsychotherapie arbeitet. Als Fachärztin für allgemeine Medizin und Psychotherapie hat sie in ihrer Ausbildung an Fortbildungen zur Alterspsychotherapie von Prof. H. Radebold teilgenommen; dabei war ein wichtiger Aspekt die durch Kriegseinwirkungen bedingten seelischen Erkrankungen im Alter. Neben dem beruflichen Interesse ist Frau Tennstedt auch persönlich betroffen: Sie ist 1940 geboren und damit selbst Kriegskind.

In dem Gespräch erzählte Frauke Tennstedt von ihren persönlichen Erfahrungen, speziell davon, wie sie mit ihrer Mutter in Frankfurt ausgebombt worden ist, während ihr Vater im Krieg war. Mutter und Tochter kamen bei Bauern im Taunus unter und wohnten dort in der ‚guten Stube‘, deren Möbel mit Bettlaken zugedeckt waren, damit sie keinen Schaden nahmen. Sie berichtet, dass sie über eine lange Zeit Alpträume von Zimmern mit verhängten Möbeln gehabt habe. Die Mutter sei dann immer wieder nach Frankfurt gefahren, um aus der zerstörten Wohnung die Sachen zu holen, die noch zu gebrauchen war. Sie selbst blieb dann allein bei den ihr völlig fremden Bauern, geplagt von schrecklichen Verlassenheitsgefühlen. Als Dreijährige konnte sie noch nicht wissen, dass die Mutter nur zeitweise nicht da war. Frau Tennstedt betont: „Ich glaube, meine starken Trennungsängste kommen noch aus dieser Zeit.“

Auch ihr Mann, Jahrgang 1933, ist ein Kriegskind. Auf der Flucht aus Ostpreußen hat er traumatische Erfahrungen gemacht und die Ermordung des eigenen Vaters mitansehen müssen. Nach Kriegsende lebte er mit seiner Mutter und Schwester noch 12 Jahre in einer Kellerwohnung. Die Mutter musste arbeiten, während die Kinder sich selbst überlassen waren und so gezwungen waren, früh Verantwortung zu übernehmen. In jeder Familie gibt es solche oder ähnliche Erfahrungen, was das Ausmaß der Betroffenheit unserer Gesellschaft zeigt.

Derartige Geschichten erzählt auch Sabine Bode in ihrem Buch und stellt die wichtige Frage:  Was wird aus diesen Menschen, wenn sie älter werden, die Anforderungen des Lebens, Beruf und Familie, nicht mehr alle Energie verbrauchen, wenn sie immer mehr Zeit haben zurückzublicken.

Viele ältere Menschen bleiben mit ihren Erinnerungen allein, selten nehmen sie psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. Der Auslöser für die Gespräche bei Frau Tennstedt, die ältere Menschen in Anspruch genommen haben, waren meist Konflikte mit den Kindern und Kommunikationsprobleme in der Familie. Neben Einzelgesprächen hatte Frau Tennstedt die Idee, eine Gruppe zur Biografie-Arbeit anzubieten. Die Bereitschaft über zurückliegende Zeiten zu reden, ist bei älteren Menschen grundsätzlich groß, zumeist aber bleiben diese Erzählungen anekdotenhaft und oberflächlich. Wie könnte sich das durch eine professionell gestaltete Situation ändern? Frauke Tennstedt berichtete über ihre Erfahrungen mit der Biografie-Arbeit in einer Gruppe von Älteren. Die Idee für das Motto der Gruppe kam ihr, als ihr eine Collage wieder in die Hände fiel, die ihr ihre Tochter (Kriegsenkel), damals zwölf Jahre alt, zum Geburtstag geschenkt hatte. Die Collage bestand aus folgenden Worten: „Gestern – Heute – Morgen / Erinnerungen / Wo sind wir?“ Die Fragen: Was war / Rückblick, was ist / Istblick; was wird werden / Ausblick, sollten im Mittelpunkt der Gruppenarbeit stehen. Dabei kam von den Teilnehmer*innen auch die Frage: Warum überhaupt erinnern, es ist vorbei, wir haben überlebt. Die Verdrängung von Teilen der eigenen Geschichte behindert aber, Bilanz zu ziehen, den Blick auf Belastendes und auch Stärkendes zu öffnen. Es kommt darauf an, ‚beidäugig‘ zu sehen, Schätze der Vergangenheit auszugraben und Ressourcen wieder zu aktivieren. Die Chance, sich mit den Erinnerungen zu versöhnen, wurde in der Gruppe positiv wahrgenommen und eröffnete einen freieren Zugang zu dem, was noch kommen könnte. Was wird noch werden? Wie kann ich meine letzte Lebensphase, das Alter, gestalten? In der Gruppe gab es jedoch auch eine Frau, die die Gruppe verlassen hat, da ihre Traumatisierungen durch die Konfrontation mit den alten Geschichten reaktiviert wurden.  Eine Schwierigkeit bei der Biografie-Arbeit mit Kriegskindern, ist sicher die Verhinderung einer derartigen Retraumatisierung. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die „Stabilität“ der Teilnehmer*innen.

Zusammenfassend beurteilte Frau Tennstedt ihre Erfahrung mit der Biografie-Arbeit in einer Gruppe von „Kriegskindern“ positiv.  Sich mit der eigenen Lebensgeschichte unter therapeutischer Anleitung im Alter noch einmal auseinanderzusetzen, birgt die Chance, bewusster die letzte Lebensphase zu gestalten, und ist ein wichtiger Impuls für die Generation der „Kriegsenkel“, das Tabu des Nicht-Fragen-Dürfens zu unterbrechen.

 

Geschrieben von:

Karin Böttcher

 

 

Bode, Sabine: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart:

Klett-Cotta 2004.

Dies.: Kriegskinder. Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart: Klett-Cotta 2004.

Heinl, Peter: „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg…“. Seelische Wunden aus der Kriegskindheit. München: Kösel 1994.

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