Psychische Gesundheit im Alter

 

 

„Ich litt unter extremen Verspannungszuständen mit starken Kopfschmerzen und glaubte, dass mit mir etwas nicht stimmt.
Nach meiner Berufstätigkeit ging es mir ca. 2 ½ Jahre ganz gut, bis ich aufgrund der körperlichen Anzeichen feststellte, dass die neue Orientierung im Alltagsrhythmus mir zu schaffen machte. Ich war im Beisammensein mit anderen Ruheständlern unzufrieden und auch unsicher, ob ich zu hohe Ansprüche an die Zeit nach der Berufstätigkeit habe. Vielleicht brauche ich ja eine Therapie– dachte ich mir.
Ich ging zu meinem Hausarzt, der mir die Praxis für Psychosoziale Beratung in der Marienstraße empfahl.“
Frau S., 64 Jahre, Hannover

Unsere Beratungsstelle erweiterte in 2004 ihr Angebot für Seniorenberatung und für pflegende Angehörige. Durch eine Projektförderung der ARD- Fernsehlotterie ist es uns nun möglich, Seniorinnen und Senioren in Einzel- und Gruppensitzungen, teilweise kostenfrei, zu beraten.

Eine Analyse der bestehenden Hilfsangebote in der Region ergab, dass bisher überwiegend Konzepte existieren, die eher auf die allgemeine Betreuung und Versorgung ausgerichtet sind und den Pflege- und Beschäftigungsaspekt in den Vordergrund stellen. Jedoch fehlte weitgehend ein auf die individuellen Bedürfnisse von Senioren zugeschnittenes Beratungsangebot, das auch die Besonderheiten der dritten Lebensphase angemessen berücksichtigt. Die Beratungsstelle bietet hierzu besonders Einzelsitzungen, aber auch Gruppenangebote mit folgenden Themen:

  • Training der Kommunikationsfertigkeiten
  • Sexualität im Alter
  • Verlust und Trauer
  • der Übergang von Berufstätigkeit in den Ruhestand
  • desweiteren ein Selbstbehauptungstraining für Senioren im Umgang mit Gewalt im Alltag (Trickdieben usw.)

Frau S. berichtete nach dem Abschluß ihrer sechsmonatigen Beratung:

„Ich bin reifer geworden und kann mit Situationen besser umgehen. Ich war mutig und habe mir neue Kontakte gesucht und damit auch neue Orientierungen. Ich habe gelernt, den Umbruch ins Rentenalter zu meistern. Das Leben ist so schön, wenn man es sich richtig gestaltet.
Früher habe ich mich verrückt gemacht: „Was kommt jetzt auf mich zu?“, aber jetzt bin ich gelassener. Man darf nicht schüchtern sein. Das war ein Reifeprozeß.
Übrigens sind meine Verspannungen und Kopfschmerzen weg!“

Die professionelle Beratung von Seniorinnen und Senioren bedeutete für uns in der Beratungsstelle, uns intensiv mit dem Thema „ Psychische Gesundheit im Alter“ auseinanderzusetzen. Einige der wichtigsten Aspekte sollen hier vorgestellt werden.

Das Alter als Lebensphase ist keineswegs durch einen universellen Abbau gekennzeichnet. Alte Menschen leben im Durchschnitt nicht nur länger als in früheren Generationen; sie sind auch körperlich und psychisch gesünder und leistungsfähiger. Dennoch werden sie aus Leistungs- und Funktionsbereichen des gesellschaftlichen und des Arbeitslebens größtenteils ausgegliedert. Be¬lastende Lebensereignisse und -situationen wie Verlust an Status, Verlust an Lebensstandard und vor allem Verluste naher Angehöriger treten im Alter gehäuft auf, während gleichzeitig das soziale Netzwerk und seine Unterstüt¬zungspotentiale schrumpfen.

Etwa fünf Prozent der über 65-Jährigen, 20 Prozent der über 80-Jährigen, und 30 Prozent der über 90-Jährigen sind von Demenzen betroffen, wobei die Hälfte an einer Alzheimer-Demenz leidet. Etwa fünf bis zehn Prozent der Älteren weisen eine Major Depression auf. Darüber hinaus sind Angststörungen, Schlafprobleme und Substanzmissbrauch verbreitet. Die Suizidrate Älterer ist fast doppelt so hoch wie in jüngeren Altersgruppen. Aufgrund repräsentativer Studien ist davon auszugehen, dass etwa 25 Prozent der über 65-Jährigen unter einer oder mehreren psychischen Störungen leiden.

Für eine Psychotherapie ist es nie zu spät!

Sigmund Freud meinte, Psychotherapie sei nichts für ältere Menschen. Heute gilt diese Einschätzung als überholt. Dennoch werden von älteren Menschen speziell formulierte therapeutische Angebote oft abgelehnt, als bedrohlich oder gar als kränkend erlebt.
Es ist notwendig, die inneren Bilder und Normen der älteren Senioren ( ab etwa 74 Jahren) zu verstehen. Man musste vor allem funktionieren. Toll war, wer stark und ausdauernd war. Das Dogma „ Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, flink wie die Windhunde“ wurde verinnerlicht und zeigt heute Folgen: Härte gegen sich selbst, Ängste wegpacken und die eigenen körperlichen und seelischen Bedürfnisse nur eingeschränkt wahrnehmen.

Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit für den Bereich Senioren wird von unserer Beratungsstelle daher ausschließlich ein Beratungsangebot formuliert.

Nach Aus¬sage von D. J. Selkoe (Mailand 1992) erleidet das menschliche Gehirn im fortgeschrittenen Alter zwar den Verlust gewisser Neu¬ronen und es gibt biochemische Verände¬rungen, doch bewirken diese bei vielen Menschen keineswegs einen nennenswerten Niedergang ihrer kognitiven und kreativen Fähigkeiten.

In unserer Beratungsarbeit liegt der Schwerpunkt dementsprechend nicht auf den Defiziten, sondern auf den vorhandenen Stärken und breitgefächerten Ressourcen.

Generell verfahren wir nach folgendem Grundsatz:
1. Aufbau einer zuverlässigen Beziehung
2. Reproduktion von Fähigkeiten und von Wissen
3. Erwerb neuer Fertigkeiten und Copingstrategien

Erkennen und Fördern von Bewältigungsstrategien

Die Coping-Ressourcen eines Individuums, mit anderen Worten die Bewältigungsstrategien und die Erfah¬rungen, über die ein Individuum verfügt, spielen offenbar eine wichtige Rolle für das Überstehen von Lebenskrisen und Belastungen, ohne psychisch krank zu werden. Nur wenige Studien aus dem Bereich kognitionspsychologisch orientierter Streß- und Coping-Forschung haben sich bisher mit älteren Menschen beschäftigt und ihre spezifischen Belastungssituationen und Bewäl¬tigungsstile untersucht oder berücksichtigt.
Generell kann jedoch gesagt werden, dass Menschen mit einem stark ausgeprägten Kohärenzempfinden sich durch eine erhöhte Widerstandskraft gegenüber Stressoren auszeichnen und infolgedessen seltener krank werden.

Gesundheit und Krankheit sind zwei Endpunkte eines Kontinuums, zwischen denen sich ein Zustand bewegt.

Daraus ergibt sich, dass Gesundheit ein Gut ist, das fortwährend und aktiv zu erwerben ist, und nicht ein Stoff, von dem Menschen zehren bis er aufgebraucht ist. Diese „Gesundheitsarbeit“ bedeutet Förderung von körperlichen, seelischen und sozialen Ressourcen, von Selbstheilungskräften. In der Psychotherapie ist daher die „Ressourcenorientierung“ eine der wesentlichsten Aufgaben. Dieses Wirkprinzip hat insgesamt in der Psychotherapie zunehmend an Bedeutung gewonnen und ist mittlerweile auch empirisch breit abgesichert.

In der Praxis für Psychosoziale Beratung wird dieses Prinzip schon seit mehreren Jahren aktiv verfolgt und erhält in der Arbeit mit Senioren besondere Aufmerksamkeit. Erfahrungsgemäß zählen zu den Ressourcen älterer Menschen ein großer Erfahrungsschatz, Reife, Weisheit, die Fähigkeit zur Wohlbefindensregulation und effektive Bewältigungsstile.

In der Beratungsarbeit mit Senioren wird besonders deutlich, dass es von grundlegender Bedeutung ist, mit den Betroffenen gemeinsam im Rückblick auf ein langes Leben, durchlebte Stärken bewusst zu machen. Dabei ist es die Rolle der Therapeutin, die Aufmerksamkeit des Hilfesuchenden auf die bereits überwundenen Krisen zu richten und die bewussten, wie auch unbewussten Strategien der Problemlösung in der Vergangenheit herauszuarbeiten, um diese Fähigkeiten in der gegenwärtigen Notlage sinnvoll einzusetzen.

Das Hintergrundwissen neuester Hirnforschungen, in denen bestätigt wird, dass das Gehirn bis ins hohe Alter leistungsfähig sein kann, ist nützlich, um älteren Menschen in ihrem Zweifel, dass sie zu alt seien, um noch Veränderung zu erleben, zu begegnen.

Die über 90 jährige Rita Levi Montalcini hat mit 74 Jahren den Nobelpreis für Medizin bekommen. In ihrem Buch weist sie darauf hin, dass sich in der letzten Lebensphase die Nervenschaltungen auf besondere, bereits angelegte, Strategien verlegen. Diese Strategien sollten effektiv genutzt und vertieft werden. Sie rät alten Menschen, intensiv zu leben, den Kopf zu trainieren und das zu tun, was ihnen Spaß macht. Sie erzählt von berühmten Menschen, die bis ins hohe Alter aktiv waren: Michelan¬gelo, Galilei, Russen, Ben Gurion und Picasso. Und: Es ist auch das eigene Leben, das die berühmte Forscherin so positiv vom Alter denken läßt.

Ist diese Denkweise im Mittelpunkt der Beratungsgespräche, ergeben sich Ziele der Psychotherapie mit größerer Leichtigkeit:

• Vergangenheitsbewältigung
• Wiederherstellung des Selbstwertgefühls
• Bewältigung körperlicher Belastungen und seelischer Krisen
• Symptomreduktion
• Bearbeitung individueller Konflikte
• Reduktion von Ängsten
• Trauerarbeit
• Sinn- und Selbstfindung
• Bewusstheit und Wachstum
• Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit
• Erhalt der Liebes- und Genussfähigkeit

Gerne würden wir in der Beratungsstelle noch mehr ältere Menschen ermutigen, zu ihrer psychischen Gesundheit aktiv beizutragen.

 

Dieser Artikel ist von:

Ursula Bellamy

Literatur:
Galliker, Mark; Klein, Margot: „Psychische Gesundheit im Alter“. In: Häfner, Heinz (Hrsg.); VT und psychosoziale Praxis 4/96, Stuttgart, 1986

Dr. med. Heinz Hillmann: „Gesund im Alter“; Herda Verlag, Freiburg, 1990

Blonski, Harald: „Alte Menschen und ihre Ängste“; Reinhardt Verlag, München, 1999

Montalcini, Rita Levi: „Ich bin ein Baum mit vielen Ästen“, Piper Verlag, 1999

Hirsch, Rolf D.: „Lernen ist immer möglich.“ In: Verhaltenstherapie mit Ältere; Ernst Reinhardt Verlag, München, 1999

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